animarson

A·NI·MA, [a:nima:], noun. Lat. »a current of air, wind, breath, soul«, sometimes equivalent to animus, »mind«, both from Proto-Indo-European ane - (»to breathe, blow«). Cognate with Ancient Greek άνεμος, [ánemos], »wind«.

AR·SON, [ahr-suhn], noun. The malicious burning of another's house or property, or in some statutes, the burning of one's own house or property, as to collect insurance.


eine begleitende rückführung

ausgestiegen eingepackt arbeiterviertel
bonzenviertel – hassels reisholz du zeigst nur
leicht mit dem finger auf die häuser pustest verächtlich
zwischen den zähnen spottest mir die namen ins
gedächtnis kunstschule kirche altstadt vor allem
neuss benrath aber und insbesondere (achtung)
nach eller dann volksgarten spuren deiner jugend
jeder jugend »hinter diesen büschen ertasteten schon
meine eltern den ersten blick auf fremde lippen
unter diesen bäumen trafen wir uns ein
bier in jeder hand und hier verabschiedeten
wir uns ich fuhr durch das grün ohne licht ich
kannte den weg besser als alle anderen früher
wohnte wir alle noch näher zusammen lagen öfters
im gras hatten weniger angst« sagst du
trittst kräftiger in die pedalen    und so
passieren wir ständig kleine welten an ecken mit
ihren großen geschichten ihren herunter-
gekommenen gesichtern spelunken und vor-
stadtpunks ein weiterer gefallener laden auf dem weg
ins herz durch die fensterscheibe wird sein innenleben
zur zeitreise »der besitzer muss doch längst tot sein« wir brauchen länger
bis wir das grab gefunden haben    hasenbrot der hintern
schmerzt – eure revolutionen auf den sechs
quadratmetern die eine menschwerdung besiegeln
davon singen die ganzen halb abgekratzten
sticker noch ein lied (ist das da ein ernst) er war es nie
   mein schlaf ist leicht das regal neben meinem
kopf ist voll gestopft mit uralten und alternden
reiseführern deiner elten dein vater wollte immer
ein wenig zuviel von der welt sehen dumont statt
marco polo »ich habe eine weile nichts von ihm gehört«
sagst du und trinkst vom heimischen alt
siebzig cent pfand obergrenzen des schlechten
geschmacks der preis für die jugend-
romantik den flecken erde der irgendwie bleibt
den du hältst weil es sich überall doch schnell
ändert und dreht weil hier die gesichter vielleicht
trauriger sind aber vertrauter in ihrer enge
die du mal dein leben nanntest

‘Man brennt Etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt: nur was nicht aufhört, wehzutun, bleibt im Gedächtnis’ – das ist ein Hauptsatz aus der allerältesten (…) Psychologie auf Erden. Man möchte selbst sagen, daß es überall, wo es jetzt noch auf Erden Feierlichkeit, Ernst, Geheimnis, düstere Farben im Leben von Mensch und Volk gibt, Etwas von der Schrecklichkeit nachwirkt, mit der ehemals überall auf Erden versprochen, verpfändet, gelobt worden ist: die Vergangenheit, die längste tiefste härteste Vergangenheit, haucht uns an und quillt in uns herauf, wenn wir ‘ernst’ werden. Es ging niemals ohne Blut, Martern, Opfer ab, wenn der Mensch es nötig hielt, sich ein Gedächtnis zu machen; die schauerlichsten Opfer und Pfänder (wohin die Erstlingsopfer gehören), die widerlichsten Verstümmelungen (zum Beispiel die Kastrationen), die grausamsten Ritualformen aller religiösen Kulte (und alle Religionen sind auf dem untersten Grunde Systeme von Grausamkeiten) – alles das hat in jenem Instinkte seinen Ursprung, welcher im Schmerz das mächtigste Hilfsmittel der Mnemonik erriet. (…) Je schlechter die Menschheit ‘bei Gedächtnis’ war, um so furchtbarer ist immer der Aspekt ihrer Bräuche; die Härte der Strafgesetze gibt insonderheit einen Maßstab dafür ab, wieviel Mühe sie hatte, gegen die Vergeßlichkeit zum Sieg zu kommen und ein paar primitive Erfordernisse des sozialen Zusammenlebens diesen Augenblicks-Sklaven des Affektes und der Begierde gegenwärtig zu erhalten. (…) Ah, die Vernunft, der Ernst, die Herrschaft über die Affekte, diese ganze düstere Sache, welche Nachdenken heißt, alle diese Vorrechte und Prunkstücke des Menschen: wie teuer haben sie sich bezahlt gemacht! wieviel Blut und Grausen ist auf dem Grunde aller ‘guten Dinge’!

—Nietzsche, Friedrich (1921): Genealogie der Moral. In ders.: Werke Bd. VII, Großoktavausgabe. S. 348ff. Leipzig: C. G. Naumann. (via frutelia3000)

(ICH KENNE DICH, du bist die tief Gebeugte,
ich, der Durchbohrte, bin dir untertan.
Wo flammt ein Wort, das für uns beide zeugte?
Du – ganz, ganz wirklich. Ich – ganz Wahn.)

—Paul Celan: Atemwende, Frankfurt 1982, S. 26.

littleteashi:

You should have heard by now from the news and at twitter about recently what is happening in my country… 

(Quelle: fonbaligi, via noxe)

Die Gefahr in der Bewunderung. –
Die Bewunderung einer Eigenschaft oder
Kunst kann so stark sein, daß sie uns
abhält, nach ihrem Besitz zu streben.

—Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches

Der Neoliberalismus mit seinen enthemmten Ich- und Leistungsprinzipien ist eine gesellschaftliche Ordnung, aus der der Eros ganz verschwunden ist. Die Positivgesellschaft, aus der die Negativität des Todes gewichen ist, ist eine Gesellschaft des bloßen Lebens, die einzig von der Sorge beherrscht ist, ‘das Überleben in der Diskontinuität zu sichern’. Es ist das Leben eines Knechtes. Diese Sorge um das bloße Leben, um das Überleben, nimmt dem Leben jede Lebendigkeit, die ein sehr komplexe Phänomen darstellt. Das nur Positive ist leblos. Die Negativität ist wesentlich für die Lebendigkeit: ‘Etwas ist also lebendig, nur insofern es den Widerspruch in sich enthält, und zwar diese Kraft ist, den Widerspruch in sich zu fassen und auszuhalten.’ So unterscheidet sich die Lebendigkeit von der Vitalität oder Fitness des bloßen Lebens, der jede Negativität fehlt. Der Überlebende gleicht dem Untoten, der zu tot ist, um zu leben und zu lebendig, um zu sterben.

Agonie des Eros, Byung-Chul Han, Matthes & Seitz Berlin, 2012; S. 37. (via zitiertes)

»Sehe ich betrachtend dem Leben zu, so ist es ein Rätsel. Lebe ich, so ist es fraglos selbstverständlich. Will ich es wissen, so dringe ich in das unerschöpfliche Dasein ein, ohne es durch Erkenntnis im ganzen zu erfassen. Vollziehe ich eine Selbstauffassung, so wird sie selber zu einem Faktor dieses Lebens, es steigernd zum Bewußtsein eigentlichen Ernstes, aber auch täuschend bis zu einem Schauspielertum seiner Fiktion. Unser Wille zur Selbstauffassung hat seine Grenze an der unbefragten Naivität, aus der wir noch bei äußerster Reflexion leben. Es gibt keine theoretische Grenze des Fragens, wohl aber die praktische, die in jedem Augenblick konkret zu leben verlangt. Zögern und Warten und Wissenwollen wird zum Versäumen des Lebens.«

—Jaspers, Karl: Antwort auf die Frage: Aus welchen Kräften leben sie?, in: ders.: Philosophische Aufsätze, München 1967. S. 244